Nachdenkliches, Traditionelles

Alles Familie oder was?

«Das ‹Gar› in Hung Gar bedeutet Clan.», erklärt Sifu. «Es ist nicht möglich, ohne Familie Hung Gar zu praktizieren.» Es ist ein ruhiges Gespräch mit wiederkehrenden Pausen, denn wir haben Zeit. Eigentlich lässt das auch viel Zeit zum Denken, aber es hat nicht ausgereicht.

Die Hung-Gar Familie

Hung Gar Praktizierende sind traditionell in familiären Beziehungen miteinander verbunden. Mein Sifu hat die Rolle des Vaters, seine anderen Schüler sind meine älteren und jüngeren Geschwister. Bei dieser Generation hört das aber nicht auf. Die Geschwister meines Sifus sind meine Onkel und Tanten, die Schüler meiner Brüder und Schwestern meine Nichten und Neffen – und so weiter, und so fort. Eigentlich ist das nicht so kompliziert, aber das macht den Umgang damit nicht leicht.

Familie

Schon die Definition des Begriffes ‹Familie› ist gar nicht so leicht gemacht. Familien haben sich gewandelt. Sprach man früher von Grossfamilien, die mehrere Generationen umfasst hat, meint man heute mit ‹meine Familie› eher den engsten Kreis – und dass eine Familie aus der Kombination Mutter, Vater, Kind besteht, ist auch nicht mehr selbstverständlich. Gebräuche verändern sich.

Respekt und Angst

Bei der Weissgurt-Party (Einführung und Information direkt nach Aufnahme in die Schule) sagte Sifu, wir dürften ihn alles fragen. Meiner Einschätzung nach habe ich danach gehandelt. Mit etwas Vorsicht – immerhin kannte ich ihn da so gut wie gar nicht – und nach Möglichkeit unter Abwarten für eine gute Gelegenheit, aber trotzdem. Inzwischen ist diese Scheu abgefallen. Es scheint mir selbstverständlich zu sein, dass das mit der Zeit passiert. Ist es aber offensichtlich nicht. Als ich kürzlich mit Sifu gesprochen habe, kamen wir auf das Thema, dass die Schüler sich nicht trauen, ihm Fragen zu stellen. Sie würden Respekt mit Angst verwechseln und deswegen Dinge, mit denen sie nicht einverstanden sind und/oder die sie nicht verstehen, nicht ansprechen.

Eine schwierige Situation. Wer kein Gespräch sucht, kann kaum Antworten erhalten und so auch jemanden kennenlernen und ohne jemanden kennenzulernen wird nur schwer Vertrauen aufbauen. Dieses Vertrauen aber wiederum ist in meinen Augen zentral, um in die Familie hineinzufinden.

Keine Selbstverständlichkeit

In meine leibliche Familie bin ich hineingewachsen. Es ist viel Zeit da gewesen, die einzelnen Mitglieder kennenzulernen und zusammenzufinden. Ich mag die unterschiedlichen Leute unterschiedlich gut, aber sie sind Familie, komme, was wolle. Ich habe Vertrauen darauf, dass diese Familie mich auffängt, unterstützt, beschützt und bin meinerseits bereit, das selbe zu tun.

Mit der Annahme als Schülerin in der Schule und damit der Kung-Fu-Familie meines Sifus habe ich schlagartig sehr viele Verwandte bekommen, selbst wenn ich nur die zähle, mit denen ich tatsächlich zu tun habe. Es war und ist zeit- und energieaufwändig, sie wirklich kennenzulernen. Bei meinen Mitschülern – der aktuellen Rolle nach – war das relativ einfach. Bei den Instruktoren (in meinem Fall alles ältere Brüder und Schwestern) gab es bereits eine gewisse Distanz, immerhin fungieren sie als Lehrer. Das ist eine andere Position als meine. Und gegenüber meinem Sifu, der die ganze Schule leitet, war es noch schwieriger. Hierarchie und Verbundenheit, beides auf einen Schlag.

Nähe und Distanz

Bei meinem schon mehrfach erwähnten Gespräch mit Sifu zu diesem Thema habe ich unter anderem zur Sprache gebracht, dass es mehrere Beziehungsebenen zu meinen Instruktoren gäbe, besonders natürlich zu Sihing Alex, den ich meistens um mich habe. Eine Lehrer-Schüler-Beziehung, aber auch eine freundschaftliche. Ist eine freundschaftliche Beziehung entfernter als eine geschwisterliche?

Wahrscheinlich schon (, zumindest, wenn ich von einer gesunden geschwisterlichen Beziehung ausgehe, und das tue ich hier.) Ich habe mich erst gegen diese Überlegung gesträubt. Mit der Zeit kreisten meine Gedanken jedoch um die Frage, was denn für eine enge Beziehung notwendig ist. Wie viele Familien gibt es, in welcher Geschwister nicht mehr miteinander sprechen, Kinder ihre Eltern nicht mehr sehen wollen? Sie bleiben wohl blutsverwandt, aber können sich weder Vertrauen noch Sicherheit bieten. Eine solche Verwandtschaftsbeziehung scheint mir nicht erstrebenswert. Familie allein genügt also nicht. Abgesehen davon, woher will ich wissen, ob mein Kung-Fu-Bruder oder meine Kung-Fu-Schwester sich überhaupt mit mir verbunden sein will und sich gar nicht für die Familie interessiert, sondern einfach nur Sport machen will? Ich kann es nicht wissen, sondern muss es herausfinden.

In die Familie hineinwachsen

Ich denke, Beziehungen wachsen an positiven Erfahrungen und Gedanken – und auch an gutem Willen. Für mich ist der Schluss naheliegend, dass dieser freundschaftlich-vertraute Schritt notwendig ist, um sich näher zu kommen und die Selbstverständlichkeit der Familie zu erreichen. Es ist für mich notwendig, meine Brüder, Schwestern, Nichten, Neffen, Tanten und Onkel kennenzulernen. Nicht nur, damit ich lernen kann, für sie als Familie zu empfinden, sondern auch, um ihnen die Möglichkeit zu geben, bei mir das selbe zu tun.

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