Geschichte, Wissen

Hung Mun

Die Hung Mun (auch: Hongmen, Hungmen, Hung Moon, Hongmenhui) waren und sind eine chinesische Triade. Der Mythos besagt, dass die Hung Mun aus einem Zusammenschluss aus den Überlebenden des Shaolin-Klosters hervorging. Wahrscheinlich ist die Gemeinschaft aber weit älter. Hung Hee Gung soll seinen Familiennamen nach der Hung Mun gewählt haben. Indirekt ist also jene Gesellschaft die Namensgeberin des Hung Gar Kung Fu.

Triaden

Der Begriff ‹Triade› stammt vom Namen einer Untergruppierung der Tiandihui (Gesellschaft von Himmel und Erde, eine taoistische Gesellschaft) ab, welche sich Sanhehui nannte. Dieser bedeutet ‹Gesellschaft der drei Harmonien›, wovon die Verallgemeinerung ‹Triade› abgeleitet wurde. Triaden werden oft auch als ‹Tong› bezeichnet. Das Wort Tong bedeutet wörtlich übersetzt ‹Halle› und bezeichnet einen Versammlungsort. Häufig wird von den Triaden als ‹Chinesische Freimaurer› gesprochen.

Triaden werden üblicherweise als kriminelle Verbindungen gesehen. Heutzutage ist das sicherlich richtig. Es gilt jedoch zu bedenken, dass diese Gesellschaften sich zu Zeiten gebildet haben, in welchen Willkür und Unsicherheit herrschten. Besonders das einfache Volk war sowohl unter den Ming wie auch unter den Qing grossen Belastungen ausgesetzt und war gezwungen, sich selbst zu schützen.

In der Phase der Machtübernahme durch die Qing haben sich nicht nur neue Gruppierungen gebildet, sondern auch der Wunsch nach Freiheit in der Bevölkerung war stark. Die mandschurischen Besatzer haben die Han-Chinesen systematisch unterdrückt. Es ist also leicht nachzuvollziehen, dass die Rückkehr zur alten Herrschaft wünschenswert schien, so marode diese in ihrer Endphase auch gewesen ist.

Mit der chinesischen Revolution verloren die aus der Not entstandenen Triaden jedoch mehr und mehr ihren Sinn. Sie haben sich allerdings mit dem Wandel der Zeit nicht aufgelöst und auch die gewonnene Macht nicht einfach wieder abgegeben. Der Gang ins organisierte Verbrechen ohne Bezug zu früherem Nutzen war wohl unumgänglich.

Verschwimmende Grenzen

Hung Mun, Tiandihui, Sanhehui, Weisser Lotus und weitere Geheimgesellschaften werden häufig in einem Atemzug genannt. Sie werden als zusammengehörig und aufeinander aufbauend oder sogar als ein und dasselbe bezeichnet. Während meiner Recherchen bin ich zum Schluss gekommen, dass Hung Mun und Tiandihui wahrscheinlich gleichzusetzen sind. Die Sanhehui wiederum verstehe ich als Untergruppe der Hung Mun. Der ‹Weisse› Lotus dagegen findet sich in der Geschichte schon sehr früh in Form einer buddhistischen Schule und könnte der Vorläufer der Hung Mun gewesen sein.

Vom Weissen Lotus zu Hung Mun

Reines-Land-Buddhismus

Im vierten Jahrhundert gründete der Patriarch des Reines-Land-Buddhismus, Huiyuan, bailianshe oder lianshe (Weisser-Lotus-Gesellschaften oder nur Lotusgesellschaften). Diese Gruppierungen verbreiteten sich in ganz China, bis der Mönch Mao Ziyuan (später erhielt er den Namen Cizhao) Anfang/Mitte des 12. Jahrhunderts einen Schritt weiterging. Er gründete eine neue buddhistische Ausrichtung: Die Schule des Weissen Lotus. Sie wurde rasch verboten, aber die sehr gute Verständlichkeit der Lehren verschaffte ihr gerade bei der breiten, eher ärmeren Bevölkerung trotzdem einen regen Zulauf. Der Schule traten auch Chinesische Manichäer bei. (Ihre Lehren waren sehr ähnlich und über die Jahre hinweg verschmolzen die Religionen miteinander.) Als 1279 die Mongolen an die Macht kamen (Yuan-Dynastie) wurde der Weisse Lotus als Religion anerkannt.

Mit der Zeit veränderten sich die Lehren des Weissen Lotus und die Gemeinschaft wurde immer politischer. Mehr und mehr wendete sie sich gegen den mongolischen Besatzer bis hin zur Rebellion. Als sich der ‹Weisse Lotus› der Regierung offen widersetzte, wurde er als illegale Sekte klassifiziert und in den Untergrund getrieben. Ab diesem Zeitpunkt war er eine Geheimgesellschaft. Die breite Abstützung in der Bevölkerung, die offene Gesprächskultur (unter anderem verkehrten Männer und Frauen frei miteinander, was alles andere als selbstverständlich war) und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Mitglieder grösstenteils nicht elitär waren, sondern in der Armut einfacher Leute lebten, liess den Weissen Lotus jedoch weiter wachsen.

Gründung der Ming-Dynastie

Im Jahr 1344 erwuchs dem ‹Weissen Lotus› ein neuer Anführer: Han Shan-Tung. Unter seiner Führung wurde die Gesellschaft zunehmend politischer. Dem Mythos zufolge wurde er von vier weiteren, prominenten Männern unterstützt.

Diese Zusammensetzung der Führung aus fünf wichtigen Personen findet sich in den verschiedenen Geschichten und Mythen der Geheimgesellschaften immer wieder.

1368 gründete der ‹Weisse Lotus› die ‹Roten Turbane›, eine militante Gruppe, welche bewaffnet Widerstand leistete. Auch ein Mann namens Zhu Yuanzhan war Teil davon. Die Roten Turbane brachten schliesslich den Umsturz und Zhu Yuanzhan begründete unter dem Namen Hongwu oder Hung Wu die neue Ming-Dynastie als deren erster Kaiser. Der Name ‹Hung› wurde zu einem Symbol der neuen Dynastie.

Mit der Befreiung von den mongolischen Fremdherrschern und dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwung verbesserten sich die Leben des Hauptteils der Geheimgesellschaft deutlich. Entsprechend verschwand der ‹Weisse Lotus› politisch mehr und mehr von der Bildfläche. Die revolutionäre Kraft wurde nicht mehr gebraucht. Erst zum Jahr 1622 wird von einem Aufstand des ‹Weissen Lotus› berichtet, in der Zeit, in welcher die Ming-Herrschaft bereits im Niedergang begriffen und die Armut ins Land zurückgekehrt war.

Die fremden Herrscher

Als 1644 die Mandschuren an die Macht kamen und innert kürzester Zeit grosse Teile Chinas eroberten, überschlugen sich die Ereignisse. Die Qing-Regierung begann bald nach der Machtübernahme eine restriktive Politik gegenüber Taoismus und Buddhismus, welche unter den Ming frei gelebt und praktiziert werden konnten. Dies führte zur Verfolgung der religiösen Geheimgesellschaften und auch zum Konflikt mit den Shaolin-Mönchen.

Das südliche Shaolin-Kloster wurde als Folge dessen zerstört und nur wenige Mönche überlebten. Die Hung Mun wurde laut dem Gründungsmythos von fünf solchen Überlebenden gegründet. Inwiefern es wirklich genau fünf Mönche waren, bleibe dahingestellt. Bekannt sind neben Abt Ji Sim Sin See die Identitäten der beiden Mönche Wan Ti Xi und Chen Jinan aus Guangzhou. Von diesen beiden ist bekannt, dass sie enge Verbindungen zum ‹Weissen Lotus› gepflegt hatten.

Die Hung Mun wurde von vielen Ritualen und Traditionen bestimmt, welche nicht zuletzt zur gegenseitigen Erkennung notwendig waren. Es wird davon berichtet, dass die Art, wie Alltagsgegenstände wie Essstäbchen benutzt wurden, einem Eingeweihten deutlich machten, wer zur Gesellschaft gehörte und wer nicht. Von Mitgliedern wurde erwartet, dass sie sich gegenüber einem anderen Mitglied wie Blutsfamilie verhielten und sich unbedingt gegenseitig zur Seite standen.

Der Grundsatz der Hung Mun war «Fǎn Qīng fù Míng» – «Nieder mit den Qing, hoch mit den Ming». Die Qing-Regierung verfolgte die Hung Mun aktiv. Ein Teil davon zu sein und erwischt zu werden, bedeutete die Todesstrafe. Zu Erfolg kam die Hung Mun allerdings lange Zeit nicht.

Moderne

Von 1899 bis 1901 fanden in China die anti-imperialistischen Boxeraufstände statt. An diesen war nicht nur nachweislich der ‹Weisse Lotus› beteiligt, sondern auch eine militante Untergruppe der Hung Mun, die ‹Red Boxers›.

Unter Boxer sind nicht Vertreter des Box-Sports zu verstehen, sondern Menschen mit einer traditionellen Kampfkunst-Ausbildung.

Der Boxeraufstand richtete sich explizit nicht gegen die eigene Regierung, sondern gegen die ausländischen Besatzer. Es ist leicht zu verstehen, dass die Hung Mun, deren Zweck die Stärkung und Schutz des Volkes vor der Fremdherrschaft der Qing war, sich tatkräftig daran beteiligt haben. Der Boxeraufstand endete mit der Niederlage der Aufständischen und dem Boxerprotokoll.

Im Jahr 1905 gründeten die Revolutionäre Sun Yat-sen (selbst ein Mitglied der Hung Mun) und Song Jiaoren in Tokyo die Gemeinschaft Tongmenhui, welche nichts anderes darstellte als eine Zusammenfassung diverser Widerstandsgruppen und Geheimgesellschaften. Unter der Führung von Sun Yat-sen wurden die Qing im Rahmen der chinesischen Revolution abgesetzt.

Heute

Heute hat die Hung Mun angeblich noch ungefähr 300’000 Mitglieder. Soweit bekannt gibt es nach wie vor viele Untergruppen. Ihr Zweck ist das Hochhalten von Traditionen und das Aufrechterhalten von Patriotismus. Was davon stimmt, ist schwer zu sagen. In Hong Kong sind die Hung Mun wegen angeblicher oder echter Verbindungen zu Triaden (im kriminellen Sinne) verboten.

Heute werden Triaden einzig mit Verbrechen in Verbindung gebracht und das nicht zu Unrecht. Die Chinesische Mafia beherrscht weltweit grosse Teile des Drogenhandels, betätigt sich im Organhandel, in der Piraterie, in der Computerkriminalität und vielen anderen Bereichen. Inwiefern diese Gesellschaften auf dem aufbauen, was der ‹Weisse Lotus› und die Hung Mun geschaffen haben, wissen wir nicht. Es ist nicht undenkbar, dass die durchaus machtvollen Strukturen der vergangenen Zeiten weiter gebraucht und missbraucht wurden.

Quellen
«Triad Societies: The Hung-Society, or the Society of Heaven and Earth» von J. S. M. Ward, W. G. Stirling
«The Origins of the Tiandihui: The Chinese Triads in Legend and History« von Dian H. Murray, Qin Baoqi
«Triad Societies: Selected writings» (herausgegeben von Kingsley Bolton, Christopher)
«Secret Societies: The Pocket Essential Guide» von Nick Harding
«A History of Shaolin: Buddhism, Kung Fu and Identity» von Lu Zhouxiang

http://www.skirret.com/papers/hungsociety.html (5.2.2020)
https://www.sfu.ca/archaeology-old/museum/bville/hongmen.htm (18.1.2020)
https://www.britannica.com/event/White-Lotus-Rebellion (1.2.2020)
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/03068374.2019.1636515 (5.2.2020)
http://www.taipinginstitute.com/courses/lingnan/hung-kuen (10.2.2020)

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