Nachdenkliches, Traditionelles

Sifu, Sihing, Sije, voll doof.

«Aber wenn du rausgehst, ist Schluss damit, oder?», hat mich eine Freundin gefragt und ich habe mit einem Schulterzucken verneint. «Krass, das wär mir viel zu viel. Warum machst du das? Das ist doch übertrieben.»

Ich hätte ja gern entgegengehalten, dass ich meine Familienmitglieder auch mit ‹Mami, Papi, Onkel und Tante› anspreche, wäre aber gelogen gewesen. Das mache ich nämlich nicht. Nur die Grosseltern waren zu ihren Lebzeiten (und sind es noch immer, wenn wir über sie sprechen) Grosi und Grosfi, zur genaueren Identifikation kombiniert mit dem Vornamen. Also, warum mache ich das im Rahmen meiner Kung Fu-Familie?

Ich denke, die Antwort ist ‹Sitte und Gebräuche›. Wir kennen das in unserem Kulturkreis ja auch. Ein Grossteil meines Umfeldes spricht die Eltern mit Mama und Papa oder ähnlichen Begriffen an. Erwachsene Leute werden gesiezt und mit Anrede + Nachname angesprochen. Kinder erhalten ’nur› ein Du und den Vornamen. Man ‹macht das eben so›. Allerdings ist es manchmal auch völlig anders. So wie bei mir, die ihre Eltern mit Vornamen anspricht. Habe ich deswegen weniger Respekt vor meinen Eltern? Wohl kaum.

Kann man daraus schliessen, dass Anreden und Respekt nichts miteinander zu tun haben? Das wiederum bezweifle ich. Wird eine gängige Konvention gebrochen, kann sich derjenige, dem gegenüber das passiert, sich durchaus brüskiert fühlen. Wenn irgendeine wildfremde Person kommt und mich gerade im Arbeitsalltag per Du anspricht, bin ich erst einmal vorsichtig, was das soll – und hier schliesst sich in meinen Augen der Kreis.

Es ist gängig, dass ich meinen Sifu eben mit Sifu anspreche. Genauso ist mein Instruktor eben Sihing Alex und nicht einfach Alex. Ich drücke damit den Respekt aus, den ich für ihn habe – so, wie es in der Kung Fu Familie Sitte ist. Es bedeutet nicht, dass ich diesen Respekt nicht hätte, wenn ich Martin sagen würde. Und es bedeutet vor allem auch nicht, dass dieser Respekt in eine Richtung fliesst.

Im Chinesischen ist es nicht höflich, jemanden als kleiner zu bezeichnen. Keiner meiner älteren Kung Fu-Geschwister nennt mich ‹kleine Schwester›. Das tut man einfach nicht. Es gehört sich nicht. Konventionen, welche hier gelebt werden.

Anmerkung: Meine Mutter bezahlt immer im Restaurant. Ich könnte mich auf den Kopf stellen und das würde sich nicht ändern. Das einzige, was hilft, ist, hinterrücks die Rechnung zu übernehmen, wenn sie gerade nicht da ist. Tja.

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