Diverse, Erfahrungen

Vor dem nächsten Schritt

Im Frühling dieses Jahres durfte ich die letzte Grundschul-Prüfung ablegen und mich bei den Aspiranten für den ersten Dan einreihen. Seit dann bereite ich mich für die Schwarzgurt-Prüfung vor. Jetzt, da das Ende eines Abschnittes näher rückt, verspüre ich eine gewisse Nervosität und schlage mich mit Zweifeln, Vorfreude und einer Menge Arbeit herum.

Nervosität und Zweifel

Auch wenn ich auf objektiver Ebene pragmatisch mit meiner Nervosität umgehe – ich habe doch schon einige Prüfungen in meinem Leben hinter mich gebracht – ist dieses Gefühl nicht weniger wichtig. Meiner Einschätzung nach sind es Zweifel, welche mich nervös machen. Kann ich genug? Verfüge ich über die Ausdauer, das Wissen, die Kraft, das Geschick? Habe ich mit meinen Anwendungen und Formen das Niveau erreicht, welches nötig ist? Anders als in einem Mathematiktest gibt es in meinem Verständnis bei dieser Prüfung kein richtig, sondern ’nur› ein ausreichend, wobei das kein abwertender Gedanke ist. Auf meinem Weg im Kung Fu stehe ich ganz am Anfang und erarbeite mit erst Grundlagen, um darauf dann aufzubauen.

Nicht nur die nötige Leistung ist bis zu einem gewissen Grad also eine Unbekannte, sondern auch das ‹danach›. Wenn ich die Prüfung dann tatsächlich bestanden habe, werde ich den Schwarzgurt-Unterricht besuchen dürfen. Es beinhaltet doch eine gewisse Bequemlichkeit, als fortgeschrittenere Grundschülerin in der Anfängerklasse zu sein. Wechsle ich den Schwarzgurten, dann stehe ich wieder ganz unten in der Kette.

Auf der anderen Seite freue ich mich schon jetzt sehr darauf. In meinem ersten Jahr als Schülerin habe ich meinen Status als privilegiert bezeichnet – Anfänger sollen mit Fortgeschrittenen üben, was bedeutet, dass ich als Weiss- und Gelbgurt von jedem meiner Übungspartner viel abschauen konnte. Das ist etwas, das mit dem Schritt in die nächste Stufe wohl wiederkommen wird.

Trotz aller Nervosität freue ich mich also jetzt schon, weitergehen zu dürfen. Und, objektiv betrachtet, gibt es keinen Grund, warum es mir nicht gelingen sollte, wenn ich einfach stur das mache, was ich bisher getan habe: Lernen, denken, üben, Feedback abholen, lernen, denken, üben.

Prüfungsinhalte

Grundsätzlich besteht die Schwarzgurtprüfung aus zwei Teilbereichen. Einerseits verfasse ich eine schriftliche Schwarzgurt-Arbeit, welche mein theoretisches Wissen dokumentiert. Die Geschichte des Kung-Fu und natürlich im Speziellen des Hung-Gar-Stils gehört dort ebenso hinein wie meine persönliche Entwicklung, meine Gedanken, meine Sichtweisen. Dieser Teil fällt mir leicht und nicht zuletzt in Vorbereitung dafür habe ich ursprünglich auch damit begonnen, diesen Blog hier zu führen. Trotzdem ist es interessant, gerade meinen persönlichen Aspekt noch einmal genauer zu hinterfragen und so niederzuschreiben, dass andere meine Gedanken und Beweggründe verstehen können.

Der andere Teil ist die Präsentation meiner erarbeiteten Fähigkeiten. Ich demonstriere im Rahmen der Prüfung die komplette Grundschule, von Einwärmprogramm über die Grundschulformen, deren Anwendungen, leichte Akrobatik, Fallschule, das Sewer Defense System (ehemals Dreipunkte-Selbstverteidigungssystem) bis hin zur Gung Gee Fok Fu Kuen. Anders als im schriftlichen Bereich fällt es mir hier sehr schwer, einzuschätzen, wie gut oder schlecht meine Leistungen sind.

Programmaufbau

Eine der Herausforderungen der Prüfung ist es, das Programm aufzubauen. Natürlich steht der grobe Rahmen fest und es ist klar, was alles vorkommen muss. Der genaue Ablauf jedoch ist dem Prüfling überlassen. Mir persönlich sind dabei zweierlei Dinge wichtig. Da ich den kompletten Inhalt auswendig können muss, achte ich auf eine klare Systematik. Die Bahnen beispielsweise sortiere ich nach der Stellungsarbeit und innerhalb dieser nach den Formen, bzw. der Komplexität. Ebenfalls wichtig ist mir auch der Energiehaushalt. Körperlich anstrengende Teile wechsle ich also nach Möglichkeiten mit eher technischen Elementen ab, um immer wieder eine Art Pause zu haben.

In der Entwicklung des Programms stellte mich das Notieren der Reihenfolge erstmal vor ein Rätsel. Sihing Roman, der sich mir als Prüfungspartner zur Verfügung gestellt hat, nennt das, was dabei herausgekommen ist, neckend Hieroglyphen. (Ich finde ja, es ist sehr klar, was da steht…) Auf jeden Fall habe ich in einer Mischung aus Strichfiguren und Stichwörtern alle Bahnen notiert und in Reihenfolge gebracht. Der Prozess ist nicht uninteressant, muss ich mir doch genau überlegen, was die essenziellen Dinge dabei sind.

Nicht nur der Bahnen-Ablauf hat somit in der Planung einiges an Zeit gekostet, sondern auch die Zusammenstellung aller Anwendungen. Es sind auf drei Formen verteilt ungefähr achtzig Stück geworden, welche auswendig gelernt werden wollen und das nicht nur von mir, sondern auch von Roman, der (hauptsächlich) als Angreifer fungiert.

Der ganze Aufbau ist nicht in einem Rutsch entstanden. Ich habe ihn mehrfach umgebaut und auch jetzt ist er nicht abgeschlossen, wobei jetzt nur noch Feinkorrekturen einfliessen und keine grundlegenden Änderungen mehr vorkommen, sofern ich es verhindern kann.

Standortbestimmung

Um das oben genannte Problem des Nicht-Einschätzen-Könnens der eigenen Fähigkeiten abzufedern, durfte ich bereits einen ersten Testlauf für meine Prüfung durchführen. Wohlgemerkt ist das kein Privileg, sondern ein normaler Ablauf. Im Rahmen von Nahezu-Prüfungsbedingungen habe ich unter den Augen von Sifu Peter Gasser einen ersten Durchlauf geprobt. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, zu sehen, ob ich das Programm wirklich auswendig kann, die Formalitäten zu üben und auch meine Fitness zu checken.

Es sind einige Lücken aufgetaucht, welche ich noch füllen soll, Bahnen, die zu ersetzen sind (zu exotisch, das geht eher nicht, Variationen zu wenig deutlich), Feinkorrekturen an Stellungen, Details an Formen, Bemerkungen zu meinen Anwendungen. Das ausführliche Feedback fliesst nun wiederum in meine Vorbereitung und mein Programm ein.

Das Feedback hat mir dabei aber nicht nur aufgezeigt, wo ich noch nacharbeiten muss, sondern zu einem grossen Teil auch, was schon ausreichend gewesen wäre – und das ist eine sehr motivierende Tatsache. Plötzlich ist das trotz der vielen Vorbereitungen so diffus wirkende Zwischenziel der Prüfung greifbar geworden und ich gehe mit neuer Energie und neuem Schwung in den Endspurt.

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